Hilfen zur Orientierung bei psychischer Krankheit

Mittwoch, 27. Mai 2009

Alterspsychose

Wilma war die kleine Mutti meiner Frau. Sie war ihr Leben lang ein Arbeitstier gewesen. Die Küche war ihr Domizil.
Dort lagen manchmal tote Fische in der Spüle, die dort "gewässert" wurden. Mich ekelte vor dem dreckigen Fischwasser.
Ihr großes Portemonaie lag in einer Schublade im Küchenschrank und jeder bediente sich dort, wenn er ein paar Mark brauchte.
Die große Liebe ihres Lebens war Otmar, ihr ältester Sohn. Der war Alkoholiker und als solcher oft sehr fies drauf. Grobschlächtig, zynisch und manchmal gewalttätig. Aber meistens bekam er von Anderen selbst aufs Maul, obwohl er sehr groß und stark war.
Ein geborener Looser, der nichts in seinem Leben richtig auf die Reihe bekam.
Aber Mutter beschützte ihn vor allen Unkenrufen der Familie und Umgebung, er war nunmal ihr Erstgeborener Liebling.
Otmar hatte häufig wechselnde, seltsame Frauen, mit denen er zusammen lebte.
Viele waren primitiv, einige raffiniert.

Alice, die von Mutter Wilma "Ali-Ze" gerufen wurde, war von der raffinierten Sorte. Sie verstand es hervorragend, Intrigen zu spinnen und Keile zwischen die einzelnen Familienmitglieder zu treiben.
Bei einigen alkoholseligen Familienkrächen musste die Polizei gerufen werden, weil man sich gegenseitig beschuldigte, Geld oder teure Gegenstände gestohlen oder veruntreut zu haben.
Als meine Frau und ich Christen geworden waren, versuchten wir natürlich das Evangelium in die kaputte Familie hineinzutragen, was aber von dem Umstand erschwert wurde, daß Horst, der ältere Bruder meiner Frau wieder vom Glauben abgefallen war und in eine schlimme Heroinsucht abgeglitten war.
"Siehste, beim Horst hat das mit dem Glauben auch nicht funktioniert". war eine beliebte Ausrede der Familienmitglieder.
Aber ich hatte mittlerweile die Bibelschule besucht und sprühte vor Glauben und Eifer für den Herrn.
Dann glitt Wilma sachte in eine "Alterspsychose" ab. Wir hatten damals überhaupt keine Ahnung womit wir es hier zu tun hatten und versuchten, so gut es ging zu helfen.
Wilma fühlte sich und die Familie von Alice bedroht und verfolgt. Die kleinen Intrigen und Boshaftigkeiten von Alice wurden für sie plötzlich riesengroß.
Sie glaubte, daß Alice uns alle ausrauben wollte und fing an wertvolle Sachen, wie Sparbücher und Ähnliches zu verstecken, damit Alice sie nicht finden konnte.
Wir redeten stets auf die kleine Mutti Wilma ein und versuchten sie in die Realität zurückzuholen, aber Wilmas Feindbild wuchs und wuchs immer mehr.
Bald wurde uns klar, daß Wilmas Zustand krankhaft war, denn sie versuchte sich im 5. Stock aus dem Fenster zu stürzen.
Mit letzter Kraft konnten Vater und Sohn Horst sie noch vom geöffneten Fenster wegzerren.
Meine Frau und ich vergaßen ab jetzt jede Zurückhaltung, mit Mutti über den Glauben zu reden, weil ein Eingreifen Gottes überlebenswichtig geworden war.
Nach dem Selbstmordversuch wurde Wilma von der Familie ins nächste Krankenhaus gebracht, weil sie nicht mehr mit der Situation umgehen konnte. Doch man nahm sie weder stationär auf, (Es gab dort keine Psychiartrie) noch verwies man sie an eine Psychiartrie weiter. Achselzuckend sagte man, daß man in diesem Falle auch nichts machen könne.
Wir beteten wie die Weltmeister für- und auch mit Wilma. Sie sprach uns das Übergabegebet an Jesus nach und wir geboten in Jesu Namen allen Mächten der Finsternis von ihr zu weichen.
Ein paar Minuten schien Wilma ruhig zu werden und redete nicht mehr von ihrem Verfolgungswahn. Doch dann ging es wieder weiter, als ob all die Gebete und der Herrschaftswechsel zu Jesus nicht die geringste Auswirkung gehabt hätten.
Sie hätte dringend in die geschlossene Abteilung gehört, aber da wir schon einmal vom Krankenhaus abgewiesen worden waren, wussten wir nicht wohin mit ihr.
Die Situation eskalierte, als Alice die kleine Wilma bei der Polizei aus unerfindlichen Gründen anzeigte. Sie sollte etwas aus ihrer Wohnung gestohlen haben.
In ihrem Wahn schleppte Wilma die ganze schwere Schallplattensammlung ihres Sohnes Horst zu einer Familie des Mietshauses hoch, um sie vor Alice zu verstecken. Sie rechnete ständig damit, von der Polizei verhaftet zu werden und erzählte uns, daß Alice uns alle ins Unglück stürzen werde.
Kurze Zeit darauf bekamen wir einen Anruf von Gustav, dem Vater meiner Frau, daß Wilma sich einen Kanister Benzin besorgt hatte. Dann hatte sie sich ein Nachthemd aus Nylon angezogen, mit Benzin übergossen und angezündet.
Sie war dem Vorbild von Pfarrer Brüsewitz aus der DDR gefolgt.
In der Notaufnahme wurde Wilma von einem Krankenpfleger in Empfang genommem, der ein Bekannter von uns war. Er war auch Christ und wusste, das Wilma die Mutti meiner Frau war. Er versuchte mit ihr zu reden und betete für sie, denn sie war noch lange bei Bewusstsein.
Das einzig tröstliche, was er uns über die letzten Stunden von Ihr sagen konnte war: Sie hatte bei ihrer Einlieferung die Hände zum Gebet gefaltet und schien zu beten.
Wenig später starb sie an ihren schweren Verbrennungen.
Nach dem Todesfall meines Freundes Manfred ein paar Jahre später fiel mir auf, daß bisher Jeder, der mir das Übergabegebet an Jesus nachgesprochen hatte kurz darauf auf unnatürliche Weise ums Leben gekommen war.
Ich stellte das Missionieren erstmal ein.

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