Sonntag, 28. Juni 2009

Über die Angst vor der Psychiartrie

Eine der schlimmsten Schmähungen die es in meiner Kindheit gab war der Satz: "Du gehörst doch nach Ilten!"
Ilten bei Hannover war das berühmt berüchtigte "Irrenhaus", ein Wort bei dem jeder innerlich erschauerte und zusammenzuckte.
Das "Irrenhaus" war wohl der größte soziale Abstieg, den ein Mensch erleben konnte, schlimmer noch als Gefängnis oder Zuchthaus.
Wenn irgend jemand in Kontakt mit der Psychiartrie kam hieß es bei ansonsten respektabelen und angesehenen Menschen: "Er oder Sie hatte einen Nervenzusammenbruch und musste nach Ilten oder Wunstorf." Der sogenannte "Nervenzusammenbruch" war zwar etwas weniger schlimm, als komplett bekloppt zu sein, aber man redete trotzdem nur sehr leise und hinter vorgehaltener Hand davon.
Schließlich konnte so ein "Nervenzusammenbruch" eventuell noch geheilt werden, wenn auch sehr schwierig.
Das ganze Thema psychische Krankheit war von einem Schleier des Mysteriums umgeben und man gruselte sich einfach nur total davor.

In den letzten Jahrzehnten hat sich einiges in der Wahrnehmung psychischer Krankheit geändert, es gab viel Aufklärung durch die Medien, aber ein Tabuthema ist es trotzdem bei vielen (den Meisten?) Menschen immer noch. Vielen ist es überaus peinlich über seelische Schwierigkeiten und Störungen zu sprechen und vielen ist es peinlich solche Krankheitsgeschichten anzuhören. Es wird sehr schnell rationalisiert, verdrängt oder abgebügelt.

Als ich in den frühen 90er Jahren einmal von meinem Hausarzt auf meine depressiven Verstimmungen angesprochen wurde und eine Psychotherapie empfohlen bekam reagierte ich mit Ablehnung und Entsetzen. Ich bin doch ein Mann des Glaubens, Gemeindegründer, Ältester und Lobpreisleiter! Was will der Mann von mir? Das ist doch ein Angriff des Teufels!
Für mich sorgt der Allerhöchste Herr und der wird auch mit meiner Seele fertig.
Durch den Hausarzt wirkt doch der Teufel, der mich durch diese garantiert okkult verseuchte "Psychotherapie" vom Glauben abbringen und versklaven will.
Ich witterte nichts als weltliche und höchstwahrscheinlich "dämonische" Manipulation hinter Allem, was nach Psychiartrie und Psychotherapie roch.
Schließlich hatte ich meine Mutter nach ihren Suizidversuchen oft in der Psychiartrie besucht und kannte die geschlossene Abteilung aus eigener Begutachtung. Die Erlebnisse mit einigen Psychotikern, die ich ebenfalls in der "Geschlossenen" besucht hatte wirkten ebenso in mir nach.
Wie soll man an einem solchen Ort gesund werden? Das ist doch ein Tummelplatz für Dämonen und durchgeknallte Psychiater, die selber Hilfe bräuchten, waren meine Gedanken.
Ein sehr verzerrtes Bild von der Realität, daß von irrationalen Ängsten und Vorurteilen geprägt war, wie ich später feststellte.

Als eins meiner Kinder einen ernstgemeinten Selbstmordversuch machte, gab es danach keinen anderen Weg der Hilfe mehr als die Kinder- und Jugendpsychiartrie im Kinderkrankenhaus. Wir waren mit den psychischen Problemen unseres Kindes hoffnunglos überfordert und es bestand weiterhin akute Suizidgefahr.
Also kam mein Kind in die geschlossene Abteilung und wir hatten regelmäßig Gesprächtherapie zusammen. Die Eltern wurden (zwangsläufig) in die Therapie mit einbezogen.
Obwohl wir uns von der Einrichtung teilweise verschaukelt fühlten, da sie uns nicht die Wahrheit über den geschlossenen Charakter der Therapie gesagt hatten, verlor ich zumindest die starken Berührungsängste mit der Psychartrie und bemerkte, daß auch dort nur mit Wasser gekocht wird - bzw. das eben ganz normale Menschen sich dort mit psychischen Störungen beschäftigen.
Niemand wollte uns vom Glauben an Gott abbringen oder in die befürchteten esoterischen Praktiken hineinzwingen. (Das waren meine persönlichen Hauptängste)
Wie überall in Krankenhäusern gibt es bessere und schlechtere Ärzte und Therapeuten, aber die irrationalen Feindbilder und Ängste erwiesen sich als Fata Morgana. Und das war sehr gut so, denn ich brauchte eigentlich schon lange selber Hilfe für meine Depressionskrankheit, die ich ständig verleugnet hatte.
Im christlichen Bereich hatte mir bisher niemand durch Seelsorge oder Gebete und Prophetien helfen können. Auch mein eigener Glaube nicht.
So holte ich mir eines Tages einen Termin beim Neurologen und Psychiater, der sich als ausgesprochen nett und hilfreich erwies.
Ich erhielt einige Jahre Medikamente gegen meine Depressionen, die auch recht gut wirkten und keine spürbaren Nebenwirkungen hatten. Auf mein Nachfragen nach Gesprächstherapie erhielt ich eine Liste der niedergelassenen Psychotherapeuten und machte einige Jahre später auch eine Psychotherapie, Dir mir wirklich weiterhalf.
Ärzte und Psychotherapeuten sind keine Wunderheiler auf die man seine ganze Hoffnung setzen sollte. Sie können Deine Probleme nicht für Dich lösen und Dir die eigene Verantwortung für Deine Störungen nicht abnehmen.
Aber sie können Wegbegleiter für Dich sein und Dich auf die richtige Fährte setzen - damit Du Deine selbstgesteckten Ziele der Heilung und Gesundheit erreichst. Ohne eigene Mitarbeit läuft überhaupt nichts in solch einer Therapie und man sollte sein Leben sowieso grundsätzlich dem großen himmlischen Arzt anvertrauen und nicht die eigene Verantwortung bei Ärzten abgeben.
Wir als Christen glauben ja, daß Jesus, der Heiler in uns wohnt und lebt. Und diesem inneren Heiler sollten wir zuhören und seine Ratschläge umsetzen.
Aber eben nicht nur passiv erwarten, daß er die ganze Arbeit macht, sondern in seinem Namen aufstehen, sein Bett aufnehmen und anfangen zu gehen. Und dabei kann man sich auch von Profis helfen lassen ohne sich zu schämen.

Ps. Meiner Tochter geht es heute gut.

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